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Das zweite Wort | 2017 – Der Tanz der roten Schuhe

Das Projekt*txt wird gegenwärtig von Dominik Leitner und Katharina Peham betreut.

Was ist das Projekt *.txt?


Schnell erklärt soll das Projekt *.txt der Inspiration dienen. Einmal pro Monat wird ein Wort verkündet, zu dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Texte schreiben. Es gibt keinen Druck, etwas zu schreiben, kein Datum, bis wann die Texte da sein müssen … es soll also in erster Linie Spaß machen!

 

Entschuldigt die Länge der Geschichte, ich wollte sie nicht schon wieder aufteilen. Ich wünsche Euch viel Spass beim Tanzen 😉

 

Das zweite Wort | 2017 – Der Tanz der roten Schuhe

Nächtelang hatte sie jetzt schon getanzt. Sie liebte das Tanzen, aber nicht ununterbrochen. Sie konnte ihren Körper fast nicht mehr aufrecht halten. Wie sollte sie denn  das schaffen? Karen verfluchte den Tag an dem sie über den Flohmarkt ging und diese schönen Schuhe sah.

Sie waren auch hier noch unerschwinglich, und Karen ging weiter. Aber diese Schuhe hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie hatte fast das Gefühl, sie würden sie verfolgen. In jedem Schaufenster sah sie diese Schuhe und an jedem Fuss einer Frau, die an ihr vorüberlief. Es war gruselig. Sie hatte das Gefühl, irgendetwas lenkte ihre Füsse wieder an den Stand mit den Schuhen. Sie liebte es mehrere Runden über den Flohmarkt zu schlendern. Deswegen schob sie es einfach auf ihr Ritual. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es nicht so war. Unter normalen Umständen hätte sie die Schuhe schon längst vergessen. Sie war gar nicht so besessen von Schuhen. Meist trug sie sie bis sie auseinander fielen. Aber diese roten Schuhe, die hatten sie verzaubert. Sie musste sie haben. Sie würden so toll an ihren Füssen aussehen und jeder, der sich immer etwas lustig gemacht hatte würde sie jetzt damit bewundern.

Als sie die Schuhe zu Hause auspackte stellte sie sie auf den Tisch und bewunderte sie. Sie glänzten so schön. Sie funkelten fast. Sie hatte schon kleine Visionen von sich, wie sie mit diesen Schuhen in die Uni gehen würde. Vielleicht würde James sie sogar endlich fragen ob sie mit ihm auf den Uniball gehen würde. Sie himmelte ihn schon so lange heimlich an, aber er ignorierte sie. Seine Kumpel und deren Freundinnen  foppten sie oft. Brillenschlange und Graue Maus. Secondhand-Tante und anderes. Aber mit diesen Schuhen wäre sie die Königin. Sie würde vielleicht tatsächlich Ballkönigin werden. Einmal in ihrem Leben im Mittelpunkt stehen und hübsch sein.

Sie ging schlafen, aber sie schlief unruhig. Im Traum wurde sie von den Schuhen verfolgt. Sie war in einer dunklen  Gasse und die Schuhe waren riesig und waren gerade dabei sie zu zertreten, als ihr Wecker anging. Sie schnaufte und  ging ins Bad um sich frisch zu machen. Danach wollte sie sich einen Kaffee kochen und in die Uni gehen.

Da standen sie. So  herrlich wie sie sie in Erinnerung hatte. Sie betrachtete sie hingebungsvoll und entschloss sich sie wenigstens mal anzuprobieren. Wie sie denn so an ihr aussehen. Sie zog sie an und in dem Moment fuhr ein Strom ihre Füssen bis zum Herzen hinauf. Sie bewegte sich vor dem Spiegel und fing an zu tanzen. Das fühlte sich herrlich an. Sie sah sich in einem tollen Ballkleid und vergass fast die Zeit. Ihr Handy summte und sie erwachte aus der Starre. Schnell zog sie die Schuhe aus. Und fühlte sich sofort verlassen und kalt. Sie fror vor Einsamkeit.

Schnell huschte sie in die Uni. Da stand schon ihre beste Freundin

„Mensch Karen, wo bleibst du denn, wir wollten doch zusammen diese Hausarbeit besprechen. Was ist denn los mit dir. Du wirkst etwas neben der Kappe.“

„Ach Feli. Ich habe mir gestern tolle rote Schuhe gekauft und die haben mich in ein Weibchen verwandelt. Ich kann an fast nichts anderes denken als an den Ball, James und die Schuhe. „

„Bäh – dieses Klischee. Wirf sie weg. Das ist ja ekelhaft.“ Meinte Feli. Und schmunzelte.

„Warum sollten wir nicht auch Mädchendinge wollen? Ist doch mal ganz schön so bisschen Romantik. Zieh sie doch morgen einfach an und schau was passiert.“

Als Karen wieder zu Hause war zog sie die Schuhe an und ging hinaus. Es zog sie in die Altstadt. Dort gab es mehrere Tanzlokale. Es war als wäre sie nicht mehr Herr ihrer Sinne. Sie war wie eine Marionette. Und gleich aus der  ersten Tür die sich öffnete, entfleuchten  die ersten Klänge die sie wie an einer Schnur in das Innere das Tanzlokal zog.

Stunden später. Sie konnte fast nicht mehr laufen konnte sie sich endlich von dem Bann lösen und verliess fluchtartig das Lokal. Die Schuhe hatte sie ausgezogen und trug sie vor sich wie einen verrottenden Fisch. Als sie zu Hause war, schloss sie die Schuhe in den Schrank. Sie würde sie nie mehr anziehen. Danach fiel sie in ihr Bett und war sofort weg. Aber sie träumte schon wieder von den Schuhen. Sie verfolgten sie schon wieder und sie wollten sie wieder zertreten. Dieses Mal rette das Telefon sie.

Wie gerädert stand sie auf und humpelte zum Apparat.

„Hallo?“ flüsterte sie hinein

„Karen?“ es war Feli

„Hi, Feli, was gibt es denn?“

„Hast du mal auf die Uhr gesehen. Du fehlst schon wieder bei der Besprechung. Was ist denn los?“

Karen erzählte Feli von dem Abend davor und schluchzte. „Feli, ich glaube da stimmt was nicht mit den Schuhen.“

„Ich sagte dir doch, dass du sie weg werfen solltest. Gut, das war da noch nicht ernst gemeint, aber jetzt schon. Wirf sie in die Tonne, sofort. Ich kann leider jetzt nicht weg hier, aber morgen treffen wir uns, ist das klar?“

„Ja ist gut“ flüsterte Karen.

Aber es sollte anders kommen. Als es dunkel wurde, wurde sie wieder magisch angezogen. Sie öffnete den Schrank und zog die Schuhe an. Dann verliess sie die Wohnung.

Drei Tage später stand sie in einem Salsaclub und dachte –Nächtelang tanze ich jetzt schon. Ich liebe es zu tanzen, aber das werde ich nicht überleben. Ich muss die Schuhe loswerden. Die Männer standen Schlange, jeder wollte mit ihr tanzen. Die Schuhe zogen sie magisch in ihren Bann. Und die Männer tanzten  mit ihr bis zur Erschöpfung. Es war als würden die Schuhe ihnen die Energie entziehen. Je mehr Männer kamen umso stärker fühlten sich die Schuhe an. Aber sie merkte die Erschöpfung. Ihr Körper und ihr Geist würden bald zusammen brechen.

Die Tür des Clubs öffnete sich und vor ihr stand Feli. „Oh Karen, meine Süsse. Du siehst furchtbar aus. Zieh die Schuhe aus.“

Karen versuchte es, aber sie liessen sich nicht von ihren Füssen ziehen. „Feli, hack mir die Füsse ab. Lieber laufe ich auf Prothesen, als noch eine Minute diese Schuhe zu tragen. Ich kann nicht mehr“

„Ach je. Was machen wir nur. Komm ich bring dich in die Uni. Da gibt es jemanden der vielleicht helfen kann. Ein Prof., mit dem ich manchmal arbeite. Er kennt sich mit so ´nem Scheiss aus.“

„Aber ich kann hier nicht weg. Anscheinend brauche ich Musik.“

„Na, das ist doch das kleinste Problem. Hier mein Handy. Die Playlist müsste reichen.“

Feli schnappte sich Karen und tanzte mit ihr aus dem Club. Auf dem Unigelände angekommen, tanzten sie weiter Richtung Unibibliothek. Dort sass ein etwas verschroben wirkender Mann über dicke verstaubte Wälzer gebeugt.

„Professor Martin? Ich brauche ihre Hilfe. Meine Freundin hat ein kleines Tanzproblem.“

Er schaute hoch und es schien, als wäre er noch nicht hier angekommen.

„Ach Felicitas. Das ist aber schön. Was für ein Problem haben sie?“

„Ich weiss es nicht so genau. Meine Freundin  hat sich paar rote Schuhe gekauft, die – wie sag ich es – verzaubert sind?“

„Nun – ich denke sie meinen eher verflucht. Ich kenne diese Schuhe. Er nahm sich einen Wälzer und blätterte verwirrt. Hin und Her und dann – „Ha – da ist es. Ich hatte schon mal über diese Schuhe gelesen. Sie wurden damals von einem Mann verflucht gestützt von einem Engel. Die Schuhe wurden damals wegen Eitelkeit getragen. Die Trägerin sollte erst alle ihre Sünden bereuen, bevor sie erlöst wurde.“

„Waas. Ich bin doch nicht eitel. Also das letzte was ich bin ist eitel.“ Meinte Karen tanzend über sich.

„Naja. Diese Schuhe sind einfach verflucht. Das ist wie bei einem Virus. Da kann so ein Fluch auch mal mutieren.“

„Sie verarschen mich doch jetzt?“ meinte Karen.

„Ja ein bisschen – Nein. Dieser Fluch ist schon so alt, und die ursprüngliche Trägerin ist ja befreit, aber die Schuhe nicht. Also müssen wir die Schuhe befreien, sonst wird ihr Schicksal sein, nächtelang durchzutanzen, bis sie irgendwann nur noch Haut und Knochen sind und sterben. Wir müssen es irgendwie schaffen, die Schuhe von ihnen abzulenken.“

„Okay – das geht ja gar nicht.“ Meinte Feli. „Wie können wir dieses Problem beheben? Und erklären sie doch noch mal wie das genau ist, warum ist Karen dafür anfällig?“

„Ich kenne sie ja nicht, aber ich kann es mir etwa vorstellen. Ich habe sie auf dem Campus schon mit Felicitas gesehen. Sie gehören eher in die Kategorie graues Mauerblümchen. Und ich denke, dass die Schuhe deswegen auf sie angesprungen sind. Sie wollten mehr  – also doch etwas Eitelkeit. Sie wollten endlich beachtet werden. Tja – da sind verfluchte Gegenstände recht flexibel.“

„Na toll.“ Tanzte Karen vor sich hin. „Wie kann man diesen Fluch brechen?“

„Ich befürchte man kann ihn nicht brechen, dafür bräuchte man denjenigen, der den Fluch ausgesprochen hat, aber man kann ihn unterbrechen oder ablenken. Dafür brauche ich aber Hilfe einer lieben Freundin und weissen Hexe. Tanzen sie ruhig noch etwas weiter, das wird einige Zeit dauern. Ich werde mal telefonieren.“ Er ging in sein Büro, die Mädchen folgten ihm. Es schauten nicht wenige verwundert hinter ihnen her, da sie tanzend den Raum verließen.

„Hallo Miranda, meine Liebe. Wie geht es dir? Ach na du weisst, immer beim alten. Aber ich könnte deine Hilfe brauchen. Ja einen verfluchten Gegenstand, beziehungsweise, zwei. Kleidungsstücke. Ja Schuhe. Genau – die Roten. Toll, bis gleich in meinem Büro.“ Er drehte sich zu den beiden. „Sie ist unterwegs.“

Als Miranda auftauchte, stand Karen am Fenster und tanzte vor sich hin. Sie war tief in Gedanken versunken. Wenn sie nun nächtelang tanzen müsste. Welch ein grausamer Tod würde sie da erwarten. Sie schauderte.

„Genau das meine Liebe, müssen wir sofort abschalten.“ Meinte Miranda zu Karen gewandt.

„Bitte?“

„Ein Fluch nährt sich von Energie. Lebensenergie, Angst oder andere starke negativen Gefühle. Wir müssen sehen, dass wir sie erst mal ins Reine mit sich bringen, dann werden wir versuchen den Fluch abzulenken, oder wenigstens zu unterbrechen.“

„Was sollen wir machen?“ Fragte Professor Martin?

„Ernst. Es ist wichtig, dass wir einen Kreis um sie bilden. Sie muss geerdet werden und durch unsere positive Energie müssen wir sie auch erst mal positiv einstellen. Das wird etwas dauern. Lasst uns erst mal die Kerzen aufstellen. Etwas Salbei ist immer gut. Herzchen, kannst du den Salbei verbrennen?“ Wandte sich Miranda an Feli.

Als dann alles vorbereitet wurde, stellten sich die drei  um die tanzende Karen und beteten. In dem Kreis lag noch ein Stein, auf ihn sollte der Fluch abgelenkt werden. Wenn es denn funktionierte.

Das Beten wurde immer intensiver und es kam Karen so vor, als würden die Schuhe heiss werden. Miranda war die einzige, die Karen berührte. Und sie spürte den Fluss der Energie. Er schien von den Schuhen aus zu gehen. Und sie merkte, wie die Energie schwächer wurde. Sie fühlte eine Ruhe, die sich in ihr ausbreitete. Eine wohlige Wärme fächerte sich in ihrem Solarplexus auf und sie fiel ohnmächtig um. Alles andere bekam sie nicht mehr mit.

Ernst fing sie auf und bettete sie vorsichtig auf dem Boden. Schnell schnappte Miranda nach den Schuhen und legte sie in eine Metalldose, den Stein legte sie dazu. Schnell verschloss sie die Dose und versiegelte sie mit einer Plombe auf der eigenartige Runen aufgeritzt waren.

Danach warteten sie bis Karen erwachte. Sie sah furchtbar erschöpft und blass aus. Aber sie tanzte nicht mehr.

„Ah – mein Kopf, was ist geschehen?“ Sie setzte sich schnell auf und blickte auf ihre Füsse. „Es hat geklappt? Es hat geklappt ich bin frei. Oh mein Gott. Wie kann ich euch  nur danken. Sie fiel Miranda um den Hals und nacheinander Ernst und als letztes drückte sie Feli, als würde sie sie nie wieder los lassen wollen.

„Was passiert jetzt mit den Schuhen?“ fragte sie.

Miranda antwortete:“ Die nehme ich an mich, es gibt da einen Bund, der kümmert sich um solche Gegenstände. Die haben in einer Verlassenen Gegend ein Lagerhaus, dort sind so einige solcher Dinge sicher verstaut. Diese Schuhe werden, hoffentlich nie wieder jemanden in die Hände fallen.“

„Ich werde bestimmt nie wieder etwas Gebrauchtes kaufen.  Man kann doch wirklich nie wissen, ob es nicht verflucht ist.“

„Ach, mein Kind, so drastisch  muss das nicht sein. Ihr solltet nur etwas auf bekannte Geschichten achten. Das Märchen mit den Roten Schuhen? Kennt ihr? Ja genau diese Schuhe waren das. Also alles wo es ein Märchen, Mythen, Legenden drüber gibt, solltet ihr meiden. So ich gehe mal. Ich muss meinen Kontaktmann anrufen um ihn von den Schuhen zu erzählen. Gehabt euch wohl.“ Uns summend verliess  Miranda die kleine Gruppe.

Feli und Karen waren am nächsten Morgen ganz früh in der Uni um sich bei Professor Martin in den Kurs einzuschreiben. Denn sicher war sicher. Sie wollten wirklich alles erfahren, was es zu erfahren gibt um nie wieder einen verfluchten Gegenstand zu erstehen und um anderen Helfen zu können.

ENDE

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4 thoughts on “Das zweite Wort | 2017 – Der Tanz der roten Schuhe”

  1. Huhu,

    ich habe das Märchen nie gelesen, aber gleich gedacht, dass es ein Märchen dazu gab. Verrückte Sache. Das arme Mädchen. Hat mir gut gefallen.

    LG Corly

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